Was unsere Songs und unsere Musik über uns (und die Menschheit) verraten
Seit Jahrzehnten neue Sounds, neue Genres, neue Stars — und trotzdem immer dieselben Geschichten, die besungen werden. Über Liebe, Herzschmerz, Hoffnung und die erstaunlich wenigen Dinge, die Menschen seit schon immer offensichtlich wirklich beschäftigen.

Seit Generationen schreiben wir neue Musik. Neue Sounds, neue Genres, neue Stars. Aber erzählen wir dabei eigentlich immer wieder dieselben Geschichten? Eine kleine Reise durch Liebe, Herzschmerz, Hoffnung, Sehnsucht — und die erstaunlich wenigen Dinge, die Menschen wirklich Jahrzehnteübergreifend beschäftigen
Ich stand neulich morgens im Badezimmer. Spotify lief über die Sonos-Boxen, irgendeine meiner Lieblingsplaylists, in der inzwischen weit über 2.000 Songs gelandet sind. Deutsch, Englisch, Französisch, Pop, Rock, Elektro, Chanson, alte Sachen, neue Sachen, Songs, deren Titel ich kenne, und solche, bei denen ich seit Jahren mitsinge, ohne die geringste Ahnung zu haben, wer sie eigentlich singt. Dazu AI Shuffle, was dazu führt, dass Spotify zwischendurch Musik einstreut, von der irgendein Algorithmus der Meinung ist, sie könnte mir gefallen. Erstaunlich oft hat er damit recht.
Und dann kam „Dein ist mein ganzes Herz". Allerdings nicht das Original von Heinz Rudolf Kunze, das ich sehr liebe, sondern irgendeine neuere Coverversion. Ein bisschen grooviger, elektronischer, moderner. Ich stand also da, föhnte mir vermutlich gerade die Haare und dachte: Ach guck. Schon wieder Liebe. Kurz darauf kam ein Song von Joris, dessen Titel ich inzwischen natürlich wieder vergessen habe, und da ging es sinngemäß darum, sich etwas zu trauen, loszugehen, sich auf Veränderung einzulassen, Hindernisse zu überwinden, irgendwie wird das schon. Und plötzlich hatte ich diesen Gedanken: Singen wir eigentlich seit hundert Jahren immer über dasselbe?
Denn wenn man einmal darauf achtet, ist es wirklich interessant. Da ist die große glückliche Liebe. Die unerfüllte Liebe. Die vergangene Liebe. Die neue Liebe. Ich will dich. Ich habe dich. Ich verliere dich. Du hast mich verlassen. Ich vermisse dich. Ich komme über dich hinweg. Ich brauche dich nicht mehr. Ich brauche überhaupt niemanden. Okay, verdammt, eigentlich brauche ich dich doch. Dazu kommen all die musikalischen „Kopf hoch, Mädchen!"-Botschaften dieser Welt: Du schaffst das. Geh deinen Weg. Lass dich nicht unterkriegen. Sei du selbst. Steh wieder auf. Irgendwann wird alles gut. Dann gibt es Songs über Freiheit, Freundschaft, Einsamkeit, Sex, Tod, Feiern, Heimat, Geld, Erfolg, Wut, Ungerechtigkeit, Rausch, Rebellion, Familie, Gott und gelegentlich eben auch über einen kleinen grünen Kaktus.
Und wenn man diese ganzen Songs einmal ihrer musikalischen Verpackung beraubt, wenn man Gitarre, Synthesizer, Autotune, Streicher, Drumcomputer, Akkordeon und Bass kurz ausschaltet, bleibt eine erstaunlich überschaubare Sammlung menschlicher Themen übrig.
Die Menschheit singt vor allem über Liebe. Überraschung!
Dass dieser Eindruck nicht nur morgens in meinem Badezimmer entsteht, lässt sich tatsächlich messen. Der Musikwissenschaftler Nicolas Ruth untersuchte 588 Songs aus den deutschen Jahrescharts zwischen 1954 und 2014 daraufhin, welche Themen in ihnen vorkommen. Das Ergebnis ist fast schon rührend eindeutig: In 57 Prozent der Songs ging es um Liebe. Kein anderes Thema kam auch nur annähernd so häufig vor.
Auch eine amerikanische Langzeitstudie, für die 1.040 Top-40-Songs aus den Jahren 1960 bis 2010 anhand von 19 verschiedenen Themenbereichen analysiert wurden, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Über ein halbes Jahrhundert hinweg blieb das dominante Thema romantische und sexuelle Beziehung. Die Autoren fanden durchaus Veränderungen: Sex wurde expliziter, bestimmte Lifestyle-Themen gewannen an Bedeutung. Aber das große Grundthema blieb. Menschen singen über Menschen, die sie lieben, begehren, verlieren oder gerne hätten.
Eigentlich ist das sogar ziemlich bemerkenswert. Man stelle sich einmal vor, was zwischen 1954 und heute alles passiert ist. Kalter Krieg, Wirtschaftswunder, Mondlandung, Mauerbau, Mauerfall, Computer, Internet, Globalisierung, Smartphones, Klimakrise, Pandemie, künstliche Intelligenz. Ganze Gesellschaften haben sich verändert. Berufe sind entstanden und verschwunden. Wir kommunizieren anders, arbeiten anders, reisen anders, leben anders. Unsere technische Welt von heute wäre für einen Menschen aus dem Jahr 1954 in weiten Teilen Science-Fiction. Über dieses Verhältnis von rasender Technik und langsamem Menschen habe ich auch in Mensch und Maschine geschrieben.
Und währenddessen steht irgendwo jemand vor einem Mikrofon und singt: Ich liebe dich. Bitte geh nicht. Das finde ich wunderschön. Und bittersweet. Die Welt dreht durch - aber unsere Herzen halt auch. Und das ist immer noch der offensichtlich größte Menschheitsschmerz: Herzschmerz.
Neue Beats, alte Probleme
Natürlich haben sich Songtexte verändert. Rap erzählt anders als Chanson. Punk anders als Schlager. Eine schmachtende französische Ballade aus den Sechzigern klingt nicht wie ein aktueller cooler R&B-Track. Auch gesellschaftliche Normen hinterlassen ihre Spuren. Worüber offen gesprochen und gesungen werden darf, verändert sich. Sexualität ist ein gutes Beispiel dafür: Die amerikanische Langzeituntersuchung zeigt, dass sexuelle Aspekte von Beziehungen über die Jahrzehnte deutlich häufiger in Songtexten auftauchten, während das romantische Beziehungsthema selbst erstaunlich stabil blieb.
Genau darin steckt ein spannender Unterschied: Unsere Kultur verändert die Sprache, in der wir unsere Bedürfnisse ausdrücken. Sie verändert die Bedürfnisse aber selbst hingegen deutlich weniger.
Unter Tausenden von Songs lassen sich deshalb immer wieder dieselben menschlichen Grundmotive Widersprüche erkennen: Bindung, Liebe und Begehren; Verlust, Trauer und Trennung; Zugehörigkeit und Einsamkeit; Freiheit und Selbstbestimmung; Anerkennung, Erfolg und Status; Angst und Schmerz; Hoffnung und Bewältigung; Identität und Selbstbehauptung; Protest und Gerechtigkeit; Feiern, Rausch und Eskapismus; Sinn, Glaube und Sterblichkeit.
Und plötzlich liegen Heinz Rudolf Kunze, Édith Piaf, Adele, Herbert Grönemeyer, Taylor Swift, Eminem und irgendein Schlagerfutzie gar nicht mehr so weit auseinander. Musikalisch können zwischen ihnen Galaxien liegen. Menschlich wohnen sie in aber in derselben Straße.
Selbst ein großer Teil jener Songs, die wir als Empowerment-Hymnen wahrnehmen, erzählt eine uralte Geschichte. Ein Mensch gerät in Schwierigkeiten. Er wird verletzt, verlassen, gedemütigt oder zweifelt an sich. Dann verändert sich etwas. Er findet Kraft, löst sich, beginnt neu, geht weiter. „I Will Survive" ist dafür nur eines der berühmtesten Beispiele. Dieses Grundmotiv steckt in unzähligen Popsongs, Rocknummern, Raptracks und Schlagern. Wir könnten es Resilienz nennen. Die Menschheit singt allerdings schon sehr viel länger darüber, als das Wort auf Managementkongressen herumgereicht wird.
Musik ist ein gigantisches Archiv unserer Innenwelt
Genau an diesem Punkt wird die Sache größer als die Frage, was gerade in den Charts läuft. Denn Songtexte sind kleine Zeitkapseln. Wenn Millionen Menschen bestimmte Lieder hören, kaufen, streamen und mitsingen, erzählen diese Lieder etwas darüber, was in einer Gesellschaft resoniert. Musik ist damit auch ein gigantisches, über Jahrhunderte gewachsenes Archiv menschlicher Gefühle — ein bisschen wie das Archiv in unserem eigenen Kopf.
Natürlich darf man daraus keine simple Gleichung machen. Ein trauriger Song beweist keine traurige Gesellschaft, und Menschen hören Musik aus tausend Gründen. Trotzdem zeigen große Datensätze interessante langfristige Verschiebungen.
Kathleen Napier und Lior Shamir untersuchten beispielsweise 6.150 Songs aus den amerikanischen Billboard-Charts von 1951 bis 2016. Ihre computergestützte Analyse der Songtexte ergab über diesen Zeitraum eine Verschiebung hin zu negativeren Emotionen: Ausdrücke von Wut, Angst, Ekel und Traurigkeit nahmen zu, während Freude, Selbstvertrauen und positive Offenheit zurückgingen.
Eine große Untersuchung aus dem Jahr 2024, die Hunderttausende englischsprachige Songs aus fünf Genres analysierte, bestätigt ebenfalls, dass Lyrics im Laufe der vergangenen Jahrzehnte negativer und zugleich persönlicher geworden sind. Besonders interessant: Diese Entwicklung lässt sich genreübergreifend beobachten, auch wenn sie je nach Musikrichtung unterschiedlich stark ausfällt. Wer sich fragt, was diese kollektive Stimmung mit uns macht, findet in Uns fehlt die Mitte und Was, wenn alles gut wird? die längere Version dieses Gedankens.
Wir singen also weiterhin über die alten menschlichen Themen. Wir scheinen inzwischen nur etwas schlechter gelaunt dabei zu sein.
Auch sprachlich hat sich etwas getan. Eine Studie über 14.661 Songs aus den Billboard Hot 100 zwischen 1958 und 2016 fand, dass Songtexte über die Jahrzehnte einfacher geworden sind. Die Autoren messen das unter anderem daran, wie stark sich Texte komprimieren lassen: Wiederholungen und geringere Informationsdichte machen einen Text leichter komprimierbar und damit in diesem Modell einfacher. Eine weitere große Untersuchung aus dem Jahr 2024 kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Lyrics in den vergangenen fünf Jahrzehnten insgesamt einfacher und repetitiver geworden sind. Untersucht wurden dabei Pop, Rock, Rap, R&B und Country.
Die menschlichen Probleme bleiben also kompliziert. Die Refrains darüber werden einfacher. Das hat fast schon etwas Tröstliches.
Und was ist mit meinem kleinen grünen Kaktus?
Nun könnte man natürlich einwenden: Moment. Früher wurde doch auch herrlicher Quatsch gesungen. Die Comedian Harmonists sangen Anfang der Dreißigerjahre von einem kleinen grünen Kaktus auf dem Balkon, und überhaupt findet man in der Musikgeschichte jede Menge Nonsens, Wortspiele, Trinklieder, Seemannslieder, Kinderlieder, Arbeitslieder und Geschichten über Dinge, die mit romantischer Liebe herzlich wenig zu tun haben. Ich sag´ nur Ballermann-Hits.
Absolut. Musik war nie ausschließlich Tagebuch unserer tiefsten Gefühle. Sie ist Unterhaltung, Ritual, Gemeinschaft, Tanz, Provokation, Spiel und manchmal einfach Blödsinn. Genau das gehört ebenfalls zum Menschen — verwandt mit dem, was ich in Defensive Joy und Glimmer statt Trigger beschrieben habe.
Nur ist selbst das aufschlussreich. Denn auch das Bedürfnis nach gemeinsamem Feiern, Tanzen, Lachen und Eskapismus ist uralt. Menschen wollen halt auch nicht permanent ihre Existenz analysieren und heulen und rumjammern und schmachten. Manchmal wollen sie einfach nur drei Minuten lang „Holla hi, holla ho" singen. Bei so viel Sinnsuche wollen wir auch einfach mal sinnlos sein.
Die spannendere Frage lautet deshalb gar nicht, ob jeder Song eine tiefenpsychologische Botschaft enthält. Die Frage lautet: Welche Funktionen erfüllt Musik für Menschen immer wieder, egal wo und wann sie leben? Und an dieser Stelle wird die Forschung richtig faszinierend.
Die Welt singt
Für das Forschungsprojekt „Natural History of Song" haben Wissenschaftler Musik aus Gesellschaften auf der ganzen Welt untersucht, darunter zahlreiche kleinere traditionelle Gesellschaften, deren Musik weit außerhalb unserer westlichen Popkultur entstanden ist. Die Forscher griffen auf mehr als ein Jahrhundert ethnografischer und musikethnologischer Dokumentation zurück. Ihr Ergebnis: In jeder untersuchten Gesellschaft fand sich Musik. Bestimmte Zusammenhänge tauchten kulturübergreifend immer wieder auf, darunter Gesang im Zusammenhang mit Tanz, Säuglingsfürsorge, Heilung und Liebe.
Das allein ist schon bemerkenswert. Noch erstaunlicher wird es, wenn man Menschen Musik aus Kulturen vorspielt, die sie überhaupt nicht kennen.
In einer Studie hörten 750 Menschen aus 60 Ländern kurze Ausschnitte von Liedern aus 86 überwiegend kleineren Gesellschaften rund um die Welt. Die Ausschnitte waren gerade einmal 14 Sekunden lang. Trotzdem konnten die Zuhörer bestimmte Funktionen der Musik kulturübergreifend erstaunlich gut erkennen, besonders Tanzlieder, Wiegenlieder und Heilungsgesänge. Bei Liebesliedern funktionierte die Zuordnung übrigens deutlich schlechter — was irgendwie auch wieder schön ist. Offenbar ist Liebe selbst musikalisch kompliziert.
Spätere Forschung bestätigte dieses Muster sogar bei Zuhörern aus kleineren Gesellschaften mit deutlich weniger Kontakt zu westlicher Musik: Tanzlieder, Wiegenlieder und Heilungsgesänge wurden kulturübergreifend ähnlich interpretiert. Sprache und geografische Nähe spielten dabei nur eine begrenzte Rolle.
Wir verstehen offenbar etwas an Musik, bevor wir ihre Worte verstehen. Und damit wird aus einer Spotify-Beobachtung plötzlich eine anthropologische Angelegenheit.
Was bleibt übrig, wenn man alles andere wegnimmt?
Was passiert, wenn wir aus einem Song einmal alles entfernen, was zeitgebunden ist? Die Sprache. Die Mode. Das Genre. Die Produktion. Den historischen Kontext. Die Frisur des Sängers. Die Plattenfirma. Die Streamingplattform.
Dann bleibt der Mensch. Ein Wesen, das Bindung sucht und gleichzeitig Freiheit will. Das geliebt werden möchte und Angst davor hat, verlassen zu werden. Das dazugehören und einzigartig sein will. Das Anerkennung sucht, Verluste erlebt, sich nach Sicherheit sehnt, Grenzen sprengen möchte, Angst bekommt, Hoffnung schöpft, scheitert, wieder aufsteht und irgendwann begreift, dass seine Zeit begrenzt ist.
Darüber schreiben wir Songs.
Wir haben inzwischen künstliche Intelligenz entwickelt, schicken Sonden durchs Sonnensystem, bauen Quantencomputer und tragen kleine Geräte in der Hosentasche, mit denen wir praktisch das gesamte Wissen der Menschheit abrufen können. Gleichzeitig reicht ein Mensch, der nicht zurückschreibt, um uns komplett aus der Bahn zu werfen.
Vielleicht erklärt das auch, warum bestimmte alte Songs Jahrzehnte überleben. Nicht jeder Klassiker bleibt deshalb relevant, weil seine Produktion zeitlos wäre. Viele klingen sehr deutlich nach ihrer Epoche. Trotzdem berühren sie Menschen, die bei ihrer Veröffentlichung noch nicht einmal geboren waren. Der technische Kontext ist veraltet, das menschliche Problem nicht. Ein Gefühl, das dem bittersüßen Legostalgie-Moment gar nicht so unähnlich ist.
Herzschmerz von 1978 funktioniert 2026 noch erstaunlich gut.
Songs sind Geschichten, in denen wir uns selbst finden
Es gibt noch einen Grund, warum diese wenigen Motive so ergiebig sind: Wir benutzen Musik nicht nur, um anderen Menschen zuzuhören. Wir benutzen sie, um uns selbst zu verstehen.
Jeder kennt dieses seltsame Erlebnis, wenn plötzlich ein Song läuft, den man jahrelang nicht gehört hat, und innerhalb von Sekunden ist man wieder irgendwo. Im Auto mit 19. In der ersten eigenen Wohnung. Auf irgendeiner Party. Bei einem Menschen, mit dem man längst keinen Kontakt mehr hat. In einem Sommer, von dem man dachte, man hätte ihn vergessen.
Musik speichert Biografie. Und Songtexte liefern uns dafür Geschichten. Manchmal erzählen sie ziemlich genau das, was wir selbst gerade erleben. Manchmal geben sie einem Gefühl Worte, für das wir selbst noch keine hatten. Und manchmal machen sie etwas noch Einfacheres: Sie zeigen uns, dass andere Menschen diesen Zustand offenbar ebenfalls kennen.
Jemand anderes war auch schon verlassen. Jemand anderes hatte auch Angst. Jemand anderes wollte auch weg. Jemand anderes war auch wahnsinnig verliebt. Jemand anderes wusste ebenfalls nicht, wie es weitergeht.
Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum Liebeslieder niemals aussterben werden. Liebe ist keine originelle Erfahrung. Für denjenigen, der sie gerade erlebt, fühlt sie sich trotzdem jedes Mal an wie eine Weltsensation.
Millionen Menschen haben vor uns geliebt. Milliarden werden es nach uns tun. Trotzdem denkt jeder frisch verliebte Mensch für einen kurzen Moment, dass so etwas unmöglich jemals zuvor jemand gefühlt haben kann. Zum Glück gibt es dafür ungefähr acht Millionen Songs.
Der Algorithmus kennt unseren Musikgeschmack. Unsere Motive kannte schon die Menschheit vor ihm.
Und damit bin ich wieder in meinem Badezimmer. Spotify lässt inzwischen hochkomplexe Algorithmen auf meinen Musikgeschmack los. Das System weiß, welche Songs ich überspringe, welche ich zu Ende höre, welche Künstler ich mag, welche Genres zueinander passen und vermutlich noch eine Menge Dinge über mein Hörverhalten, über die ich lieber gar nicht so genau nachdenken möchte. Aus all diesen Daten errechnet es, was mir als Nächstes gefallen könnte. Wie sehr solche Systeme unseren Blick auf die Welt formen, habe ich in Algorithmen, Bubbles und Vielfalt aufgeschrieben.
Technologisch ist das beeindruckend. Inhaltlich hat der Algorithmus allerdings einen überschaubaren Werkzeugkasten zur Verfügung.
Liebe wäre gut. Herzschmerz geht immer. Ein bisschen Sehnsucht. Ein Song übers Weitermachen. Einer über Freiheit. Einer, bei dem man sich plötzlich unbesiegbar fühlt. Einer, der einen an jemanden erinnert. Einer zum Tanzen. Einer für die Melancholie. Einer für diesen absurden Moment, in dem das Leben gerade vollkommen großartig ist.
Neue Künstler kommen. Neue Genres entstehen. Instrumente verändern sich. Musik wird elektronisch, digital, algorithmisch und inzwischen teilweise von künstlicher Intelligenz erzeugt. Unsere Songs reisen heute innerhalb von Sekunden um die Welt. Ein Teenager in Köln kann morgens einen französischen Chanson hören, danach amerikanischen Hip-Hop, anschließend Afrobeats aus Nigeria und fünf Minuten später irgendeinen Song eines Künstlers aus Schweden, dessen Namen er nicht einmal kennt. Was dabei zwischen analoger und digitaler Welt verloren geht und was bleibt, steht in Die Magie zwischen analog und digital.
Und überall darin steckt dieser erstaunlich alte Mensch. Einer, der liebt, hofft, begehrt, trauert, zweifelt, feiert, kämpft, vermisst, verliert und wieder anfängt. Wir haben in den vergangenen hundert Jahren die Musik immer wieder neu erfunden. Uns selbst offenbar deutlich weniger.
Quellen & weiterführende Studien
- Nicolas Ruth (2019): „Where is the love? Topics and prosocial behavior in German popular music lyrics from 1954 to 2014" — Analyse von 588 Songs aus deutschen Jahrescharts; Liebe tauchte in 57 Prozent auf. Psychology of Music / SAGE
- Peter G. Christenson et al. (2019): „What has America been singing about? Trends in themes in the U.S. top-40 songs: 1960–2010" — Langzeitanalyse von 1.040 US-Top-40-Songs und 19 Themenbereichen. Psychology of Music / SAGE
- Kathleen Napier & Lior Shamir (2018): „Quantitative Sentiment Analysis of Lyrics in Popular Music" — Analyse von 6.150 Billboard-Songs aus den Jahren 1951 bis 2016. Journal of Popular Music Studies / University of California Press
- Emilia Parada-Cabaleiro et al. (2024): „Song lyrics have become simpler and more repetitive over the last five decades" — große genreübergreifende Analyse zur Entwicklung von Sprache, Wiederholung, Emotionalität und persönlicher Perspektive in Songtexten. Scientific Reports / Nature
- Michael E. W. Varnum et al. (2021): „Why are song lyrics becoming simpler? A time series analysis of lyrical complexity in six decades of American popular music" — Untersuchung von 14.661 Billboard-Hot-100-Songs zwischen 1958 und 2016. PLOS ONE
- Samuel A. Mehr et al. (2019): „Universality and diversity in human song" — das große „Natural History of Song"-Projekt zur Frage, welche Funktionen und Eigenschaften von Musik kulturübergreifend auftreten. Science
- Samuel A. Mehr et al. (2018): „Form and Function in Human Song" — Menschen aus 60 Ländern hörten Musik aus 86 Gesellschaften und sollten deren Funktion erkennen. Current Biology / PubMed
- Samuel A. Mehr et al. (2023): „Universal interpretations of vocal music" — kulturübergreifende Untersuchung dazu, wie ähnlich Menschen Tanzlieder, Wiegenlieder und Heilungsgesänge interpretieren. PNAS / PubMed Central
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Autorin: Henriette Hochstein-Frädrich



