Magazin/Leben und so
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Schönheit ist existenziell: Menschen brauchen Harmonie, Ästhetik und Ruhe

Über Stadtflucht, Broken Windows, Vitruv, Barcelonas Superblocks — und warum die ästhetische Qualität unserer Umgebung direkten Einfluss auf unser soziales Miteinander hat.

Cinematisches Schwarz-Weiß-Editorial-Stillleben auf dunklem Holz: eine warm-goldene, ornamentierte barocke Palazzo-Fassade steht neben einem grauen, bröckelnden brutalistischen Betonklotz — der Palazzo leuchtet warm-golden als einzige Farbe im monochromen Bild, Metapher für Schönheit versus Hässlichkeit in der Stadtgestaltung.

Steile These und gewagte Vermutung: Gibt es eventuell einen Zusammenhang, dass unsere Welt immer „blöder" wird, die Menschen immer gestresster und unsolidarischer, es viel mehr Gegeneinander und zu wenig Miteinander gibt, weil unsere Lebensräume, zum Beispiel Städte, einfach nicht mehr „schön" sind, sondern heruntergekommen, dreckig, hässlich, zu eng, zu laut, mit viel zu viel Verkehr und Lärm? Brauchen wir Harmonie, Ästhetik, Ruhe und Schönheit, um wirklich gut zu leben und auch gut miteinander auszukommen?

Vor ca. zwei Jahren bin ich vom trubeligen Kölner Belgischen Viertel ins beschauliche Kölner Müngersdorf gezogen. Das Belgische Viertel ist mitten-inne-City, Müngersdorf hingegen im ruhigen Kölner Westen, kein ab-vom-schussiger-Vorort, sondern bestens angebundener Stadtrandteil, grün, ruhig, sauber, (für Kölner Verhältnisse) hübsch, niedlich.

Unabhängig davon, dass ich nach 13 Jahren im Belgischen Viertel dringend eine Veränderung brauchte, unabhängig davon, dass der Wohnraumveränderung auch eine Scheidung und damit auch einiges an lifeshaking Trouble und Gedöns vorausging, spürte ich, angekommen in meiner neuen Wohnung und meiner neuen Hood, eine interessante Veränderung in mir. Ich war auf einmal … entspannt. Ich fühlte mich … so … unerklärlich … wohl. Ich spürte so einen inneren Frieden. Es war wie ein Aufatmen und Aufmachen. Mir ging es … unerklärlich … gut.

Jedesmal, wenn ich seitdem nach meinem Umzug — vor allem aus Patchwork-Family-Orga-Schichtwechsel-Übergabe-Gründen — wieder „in die Stadt" musste, beobachtete ich ein weiteres interessantes Phänomen: Ich bekam automatisch schlechte Laune, war angespannt, nervös, gereizt, wurde latent pissig, aggressiv und abgefucked. Völlig grundlos. Ich musste mir sehr viel Mühe geben, nicht rumzupöbeln und mich anderen gegenüber so zu verhalten, wie ich mich gerade fühlte. Wenn alles „in der Stadt" erledigt war, war mein einziges Bedürfnis, bloß so schnell wie möglich wieder da raus und weg zu kommen. Raus ins Grüne, raus ins Ruhige, raus ins Schöne.

War und bin ich wirklich schon so alt geworden? Senile Stadtflucht? Ich beobachtete diese Wechselbäder der Gefühlszustände noch eine Weile und stellte dann verblüfft fest: Darling, it's the environment, it's the Umfeld!

Dass Köln nicht gerade zu den Schönheiten deutschen Städtebaus gehört, ist allgemein bekannt. Bekannt sind auch die Ursache und die Gründe dafür. Zerstörung im Krieg, schneller unkoordinierter Wiederaufbau, Prachtalleen und Prachtstraßen sind verschwunden, statt dessen funktionale und hässliche Betonklötze. Alles irgendwie mehr schlecht als recht zusammen gezimmert, aus der Not heraus, ja, haben wir Verständnis für. Dennoch macht der Mangel an Schönheit und Ästhetik was mit einem. Noch viel mehr aber macht das Zuviel an Dreck, die vielen Glasscherben auf den Straßen, der Müll überall, die tausenden Baustellen, der Dauerlärm, das Zuviel an Verkehr, die zu vielen Autos, das zu wenig an Grün, und im Sommer die sengende Hitze was mit einem. Es sorgt genau für den schon oben beschriebenen Cocktail aus giftigen Gefühlen. Und giftige Gefühle sorgen für giftiges Verhalten. Und giftiges Verhalten sorgt für giftiges Miteinander. Und giftiges Miteinander sorgt für noch giftigere Gefühle. Et voilà, ein giftiger never ending vicious circle, aus dem wir nicht mehr raus kommen und alles immer schlimmer wird.

Und dann wundern wir uns, warum wir Menschen immer feindseliger werden?

Früher war alles besser. Zumindest der Städtebau.

Dann fiel mir ein, dass ich irgendwann mal einen Artikel darüber gelesen hatte, dass Städte früher, also so ganz früher, so gestaltet wurden, dass sie „schön" sein mussten. Also Schönheit im Sinne von, dass Gebäude schön und spektakulär sein mussten. Dass Städte so gestaltet waren, dass die Bürger:innen sich dort wohl fühlten. Dass es Plätze und Parks gab, wo sich die Menschen begegnen und austauschen konnten.

Viele Städte in Italien und anderen Teilen Europas wurden tatsächlich mit einem starken Fokus auf Ästhetik und Lebensqualität gestaltet. Diese Städte wurden oft nach bestimmten städtebaulichen Prinzipien geplant, die eine angenehme Umgebung für ihre Bewohner:innen schaffen sollten. Weil man wusste, wie enorm wichtig eine schöne Umgebung für die Lebensqualität und ja, irgendwie auch der Würde, der Bürger:innen ist.

Städte wie Florenz, Rom und Venedig sind hervorragende Beispiele für diese Art von durchdachter und ästhetisch orientierter Stadtplanung. Unter der Herrschaft der Medici und unter der Leitung von Architekten wie Filippo Brunelleschi und Leon Battista Alberti wurden viele Gebäude und Plätze in Florenz geschaffen oder umgestaltet, um Schönheit und Harmonie zu betonen. Die berühmte Piazza della Signoria und der Palazzo Pitti sind nur zwei Beispiele für die sorgfältige Planung, die darauf abzielten, einen angenehmen, harmonischen und ästhetischen Lebensraum zu schaffen.

In Rom war die Planung oft darauf ausgerichtet, beeindruckende visuelle Achsen zu schaffen, die auf wichtige Gebäude oder Plätze zulaufen. Venedig wiederum nutzte seine einzigartige Lage und das System der Kanäle, um eine Stadt zu schaffen, die sowohl funktional als auch ästhetisch ansprechend war. Diese Städte zeigen, wie durchdachte Architektur und Stadtplanung dazu beitragen können, die Lebensqualität der Bewohner:innen zu erhöhen und gleichzeitig eine Kultur der Schönheit und des sozialen Austauschs zu fördern.

Kultur, Schönheit, Harmonie, Ästhetik, Ruhe, Sauberkeit braucht der Mensch genauso nötig und dringend wie Nahrung. All das IST Nahrung.

Riesige imposante Prachtbauten wurden auch deshalb gebaut, um an heißen Tagen die Bewohner:innen vor Sonne zu schützen und für kühlenden Schatten zu sorgen. Auch das ein Faktor, der in den letzten Jahrzehnten der modernen Architektur kaum noch Berücksichtigung fand. Die riesigen von innen klimatisierten Beton- und Glaskästen in den modernen Zentren dieser Welt befeuern die Hitze in den Städten. Und Hitze befeuert und aggressiviert die Gemüter. Das wird noch ein riesiges und auch katastrophales Problem für uns alle werden.

Der römische Architekt Vitruv formulierte einst drei Grundbegriffe für Architektur: firmitas (Festigkeit), utilitas (Nützlichkeit) und venustas(Schönheit). Alle drei mussten gleichermaßen erfüllt sein. Darauf verzichten wir heute, wenn es darum geht, unsere Städte zu planen — weil wir meinen, die sinnliche Wahrnehmung von Schönheit oder Harmonie sei eine derart subjektive Empfindung, dass wir sie besser ignorieren sollten. Doch Studien zeigen: Im Schönheitsempfinden zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen besteht ein hohes Maß an Übereinstimmung. Schönheit liegt eben nicht so sehr im Auge des einzelnen Betrachters, wie uns Planer und Architekten weismachen wollen.

Wird die Welt, werden wir Menschen, immer „blöder", weil alles um uns herum immer hässlicher wird?

Lebensräume, die als schön, harmonisch, ruhig und funktional wahrgenommen werden, können dazu beitragen, Stress zu reduzieren und ein Gefühl des Wohlbefindens zu fördern. Heute schotten wir uns mehr und mehr voneinander ab. Am liebsten in riesigen SUVs. Auch das ein Teufelskreis. Wir schotten uns voneinander ab, in viel zu großen und viel zu vielen Autos, auf viel zu engen und die Verkehrskapazitäten nicht mehr fassenden Straßen, weil wir all dem Stress, dem Dreck, dem Lärm, der Disharmonie und der unterschwelligen Aggressivität entkommen wollen. Und tragen durch unsere Flucht und unser Abschotten genau dazu bei.

Fakt ist: Heruntergekommene, überfüllte und laute Umgebungen verursachen Stress und beeinträchtigen das Gefühl von Gemeinschaft und Solidarität. Wenn die Lebensräume vernachlässigt werden und die Umgebung als unattraktiv, gar hässlich und verkommen empfunden wird, kann dies zu einer geringeren Lebensqualität und damit auch einem Rückgang des sozialen Zusammenhalts führen.

Die Psychologie der Umgebung: Broken Windows

Die Umgebungspsychologie zeigt, dass Menschen auf ihre Umgebung emotional reagieren. Schöne, gepflegte Umgebungen steigern das Wohlbefinden, reduzieren Stress und helfen, ein Gefühl der Zugehörigkeit zu entwickeln. Unordentliche, chaotische oder heruntergekommene Umgebungen hingegen verstärken Stress, Unbehagen und sogar depressive Gefühle. Berühmt ist dazu die „Broken Window Theory", die auch Malcolm Gladwell in seinem Buch Tipping Point aufführt: Wenn wir in einer verdreckten Straße unterwegs sind, sind wir eher geneigt, unseren Müll ebenfalls einfach irgendwohin zu schmeißen. Wenn sich nicht gekümmert wird, kümmern wir uns auch nicht. Wenn sich gekümmert wird, kümmern wir uns auch und fühlen uns verantwortlich. Gleiches zieht Gleiches an.

Bekannt ist auch: So sinken auch Kriminalitätsraten rapide. Ich war erst vor kurzem in Japan. Japan gehört zu den Ländern mit der niedrigsten Kriminalitätsrate. Und Japan ist beeindruckend sauber und aufgeräumt. Harmonie, Freundlichkeit und gegenseitige Rücksichtnahme sind dort an der Tagesordnung. Da besteht mit Sicherheit ein Zusammenhang.

Barcelona macht es vor

Ein Paradebeispiel für Stadtplanung mit Blick auf Lebensqualität ist Barcelona. Durch die Förderung von autofreien Zonen, die Schaffung von öffentlichen Begegnungsräumen und die Förderung von Umweltschutz und Nachhaltigkeit trägt Barcelona dazu bei, eine wirklich lebenswerte Stadt zu gestalten.

Eine der bemerkenswertesten Initiativen Barcelonas sind die Superblocks oder Superilles. Dabei werden mehrere Straßenblöcke zu autofreien Zonen umgestaltet, um Platz für Fußgänger:innen, Fahrradfahrer:innen und öffentliche Begegnungsräume zu schaffen. Diese Superblocks sind darauf ausgerichtet, den Verkehr und den Lärm zu reduzieren, die Luftqualität zu verbessern und die Lebensqualität der Anwohner:innen zu erhöhen. Die Stadt Barcelona hat sich das Ziel gesetzt, bis 2030 eine grüne und nachhaltige Stadt zu werden.

Die Macht der Architektur

Architektur hat die Kraft, Stimmungen und Verhaltensweisen zu beeinflussen. Dies wurde in verschiedenen Kontexten beobachtet — in Schulen, wo gut gestaltete Lernumgebungen die Lernleistung und das Wohlbefinden der Schüler:innen eindeutig verbessern. Aber auch in Büros, wo eine angenehme Arbeitsumgebung die Produktivität und Zufriedenheit steigert. Und in Krankenhäusern, wo Patientenzimmer mit Blick auf Natur die Genesung beschleunigen können.

Wenn wir uns Deutschlands marode und heruntergekommene Schulen anschauen, greift man sich an Kopp: Es fängt schon damit an, dass die Schüler:innen nur in den seltensten Fällen saubere und hygienische Toiletten vorfinden. Wie sollen Kinder da Lust auf Lernen und Schule, geschweige denn auf ein gutes Miteinander mit Lehrer:innen und Schüler:innen entwickeln, wenn ihnen so wenig Respekt gezollt wird, dass sie noch nicht mal saubere Klos nutzen können?

Natürlich: Die Ursachen für gesteigerten Stress, Unsolidarität und soziale Konflikte sind komplex und nicht ausschließlich auf die Gestaltung unserer Lebensräume zurückzuführen. Faktoren wie wirtschaftliche Ungleichheit, politische Spannungen, soziale Isolation, Klimawandel und technologische Entwicklungen spielen ebenfalls eine Rolle.

Dennoch kann eine bewusste und bessere Planung und Gestaltung unserer Städte und Gemeinden, die Schönheit, Harmonie, Ruhe, Funktionalität, das Menschliche und das Natürliche (wieder) betont, sicherlich sehr dazu beitragen, ein viel besseres Lebensumfeld zu schaffen und das Zusammenleben der Menschen deutlich zu verbessern.

Ja, die ästhetische Qualität unserer Umgebung hat einen direkten Einfluss auf unser soziales und emotionales Leben. Am Ende brauchen wir dafür noch nicht mal empirische Forschungen und aufwendige Studien. Wir nehmen es doch wahr, spüren es, fühlen es, sehen es.

„Investitionen" in die Schönheit, Sauberkeit und Harmonie unserer Städte sind also kein „Gedöns" und unnötiges Chichi, sondern sie sind absolut essentiell und dringend notwendig, um gesündere, zufriedenere und solidarischere Gesellschaften zu fördern.

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Autorin: Henriette Hochstein-Frädrich