Magazin/Führung
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Alles in Watte packen? Warum wir uns damit keinen Gefallen tun

Über die Kunst, ehrlich zu sein, ohne verletzend zu werden – und warum unser gut gemeintes Wattepacken meist mehr über uns selbst verrät als über die anderen.

Schwarz-Weiß-Editorial-Cover: weiche Wattefasern werden von einer scharfen goldenen Nadel mit warm-goldenem Faden durchbohrt. Metapher für ehrliche Kommunikation, die die Wattewand durchbricht.

Kennst du das? Diese vorsichtige, fast schon ängstliche Art, Dinge zu sagen? Dieses endlose Abmildern, Relativieren, Herumdrucksen – damit bloß niemand verletzt wird? Willkommen in der Welt des „In-Watte-Packens". Eine Welt, in der wir uns gegenseitig so sehr schonen, dass wir irgendwann nichts mehr voneinander lernen. Weil niemand mehr ausspricht, was gesagt werden muss.

Aber warum tun wir das? Warum zögern wir, klare Worte zu finden? Warum vermeiden wir Konflikte so hartnäckig, als wären sie eine fiese, ansteckende Krankheit?

Watte als Schutzschild – oder doch nur Angst?

Jordan Peterson*, kanadischer Psychologe und Autor, hat einmal gesagt:

„Wenn du Menschen in Watte packst, wenn du sie vor allem, was scharf ist, beschützt, machst du sie träge und narzisstisch."
— Jordan Peterson

Ein harter Satz. Aber einer, der eine unbequeme Wahrheit trifft. Wenn wir uns gegenseitig zu sehr in Watte packen, wenn wir andere zu sehr schonen, sie vor Konflikten bewahren und nichts Kritisches sagen – tun wir das wirklich, um SIE zu schützen? Oder schützen wir in Wirklichkeit und in erster Linie eigentlich nur UNS SELBST? Siehe auch Psychologische Sicherheit: Neuer Hype oder einfach nur „Fehlerkultur in fancy"?

Ja, Konflikte sind immer unangenehm. Sie erfordern Mut, Klarheit und die Bereitschaft, sich auch mal mit unbequemen Wahrheiten auseinanderzusetzen. Aber wenn wir andere immer nur in Watte packen, was sagt das über uns aus? Vielleicht, dass wir selbst Angst vor den Konsequenzen haben. Angst davor, jemanden zu verletzen – oder auch davor, selbst kritisiert zu werden. Vielleicht vermeiden wir Konflikte, weil sie uns dazu zwingen, uns selbst zu hinterfragen. Und vielleicht ist das Wattepacken gar kein Schutz für andere, sondern ein Schutzschild für uns. Wir packen die anderen in Watte, nicht um SIE, sondern um UNS SELBST zu schützen.

Denn wenn wir Konflikte vermeiden, tun wir das oft gar nicht aus Rücksicht, sondern aus purer Angst und reiner Bequemlichkeit. Angst davor, dass der andere verletzt reagiert. Oder dass wir selbst Gegenwind bekommen und der oder die andere „zurück schießt". Oder – und das ist vielleicht der unangenehmste Gedanke – weil uns die Auseinandersetzung mit der Wahrheit anstrengen würde.

Aber was passiert, wenn wir uns zu sehr in Watte einhüllen? Wir werden weich. Passiv. Bequem. Wir hören auf, uns zu hinterfragen. Wir verlernen, mit Kritik umzugehen. Und irgendwann sitzen wir in einem Raum voller Menschen, die alle toxisch und oberflächlich nett zueinander sind – aber keiner wächst. Und niemand ist ehrlich.

Die Frage, die wir uns daher stellen sollten, ist: Was passiert, wenn wir diesen Schutzschild ablegen? Was passiert, wenn wir aufhören, uns gegenseitig zu schonen, und stattdessen ehrlich, klar und respektvoll miteinander umgehen?

Konflikt ist kein Krieg – sondern Vertrauen

Das Gegenteil von „in Watte packen" ist nicht Härte oder Kälte. Es ist nicht Brutalität, Rücksichtslosigkeit oder polemische „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen"-Rhetorik. Es ist Vertrauen. Siehe auch Führung & Kommunikation: Vertrauen ist stärker als Kontrolle.

Vertrauen darauf, dass unser Gegenüber mit Kritik umgehen kann. Vertrauen darauf, dass Konflikte uns wachsen lassen – als Einzelne und als Team. Vertrauen darauf, dass der andere Kritik aushält und dass wir ihm oder ihr konstruktive Kritik zumuten können. Vertrauen darauf, dass er oder sie damit umgehen kann. Vertrauen darauf, dass wir mit dem Gegenwind und der „Gegenkritik" genauso klar kommen werden. Vertrauen darauf, dass wir in der Lage sind, respektvoll und ehrlich miteinander zu sprechen. Und Vertrauen darauf, dass wir stärker sind als unsere Bequemlichkeit. Denn echte Weiterentwicklung entsteht nicht durch Konsens, sondern durch Reibung.

Wie kommen wir raus aus der Watte-Welt?

Es geht also darum, den Mut aufzubringen, diese Wattewand einzureißen. Es geht um die Bereitschaft, ehrlich zu sein, ohne verletzend zu sein. Und darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem Klarheit und Offenheit keine Bedrohung sind, sondern ein Zeichen von Stärke und Respekt.

Wenn du also merkst, dass dein Team (oder du selbst) zu oft in Watte spricht, hilft eine simple Übung: „Das Watte-Bild zerlegen". Ziel ist, zu erkennen, warum wir Konflikte vermeiden – und Alternativen zu entwickeln.

  1. Im ersten Schritt geht es darum, „die Watte sichtbar zu machen" und sich der Watte bewusst zu sein. Male dafür eine große „Wattewand" auf ein Flipchart oder schreibe typische Vermeidungsstrategien darauf (z. B. „Konflikte meiden", „Probleme beschönigen", „kritisches Feedback auslassen").
  2. Im zweiten Schritt wird das ganze reflektiert. Sprecht darüber: Warum passiert das? Was hindert uns daran, ehrlich zu sein? Was könnte passieren, wenn wir klarer miteinander umgehen? Was brauchen wir, damit wir klarer, offener und ehrlicher miteinander sprechen?
  3. Im dritten Schritt geht es um die Lösung: Entwickelt Ideen, wie das Team konstruktiv kommunizieren kann – ohne Watte, aber mit Respekt.
  4. Und wer es besonders dramatisch mag, kann dann die Wattewand symbolisch zerreißen oder durchschlagen.

Raus aus der Watte-Komfort-Zone

Wenn du also etwas verändern möchtest oder auch verändern musst – bei dir selbst oder in deinem Team – fang einfach mal mit der Sprache an. Sei mutig. Sei klar. Und vor allem: Sei ehrlich. Denn Wachstum passiert nicht in der Watte. Wachstum passiert da, wo es unbequem wird. Und genau das macht uns stärker. Siehe auch Die Sache mit der Komfortzone: Bleib ruhig drin …!

*Wer ist Jordan Peterson? Jordan Peterson ist ein kanadischer klinischer Psychologe, Autor und Professor, bekannt für seine kontroversen Positionen zu Themen wie individuelle Verantwortung, Freiheit und gesellschaftlichen Normen. Seine Ansichten polarisieren oft, da sie sowohl als inspirierend als auch als provokant empfunden werden. Sein Werk umfasst Bücher wie „12 Rules for Life", in denen er über persönliche Entwicklung und ethisches Verhalten spricht.

Siehe auch Weniger meckern, besser führen, Leadership im Wandel – Stabil führen, wenn alles in Bewegung ist, Führung ist kein Titel mehr – sie ist ein permanenter Trainingszustand, Warum wir uns manchmal wie Krabben im Korb verhalten und Die Magie der Fragezeichen.

Autorin: Henriette Hochstein-Frädrich

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